Notizen

Aus dem Zettelkasten

von Erwin Grosche

Foto © Harald Morsch
Notizen


Quotenhit: (Manche Serien werden überraschend zu einem Quotenhit, selbst wenn sie inhaltlich wenig überzeugen) Lydia stand zwischen den Männern in der Werkstatt. Sie versuchte die Auffälligkeiten ihres Autos mit schlichten Worten zu beschreiben. Sie wollte deutlich sein und nichts verschweigen. „Mein Auto war plötzlich anders“, begann sie den Lagebericht. „Es schien sich Sorgen zu machen. Es war mir fast, als dachte es nach. Seine sonst so gleichgültige Fahrweise wurde unterbrochen durch kurze klagende Zwischenlaute. Ich war beunruhigt. Es gab keine Steigung oder andere unzumutbare Belastungen, die ein Abweichen von der früheren Fahrweise gerechtfertigt hätte. Plötzlich entdeckte ich das Aufleuchten eines Signals, welches ich nicht kannte und das mich daran erinnerte, dass es Fehler gibt, die nicht wieder gut zu machen sind. Ich hatte das Gefühl, die Kontrolle über meinen Wagen zu verlieren. Fuhr nun mein Auto mich? Es entglitt mir wie ein Jugendlicher in der Pubertät. Ich saß plötzlich in einem Panzer. Der Motor motzte so laut, als müßte er einen Bären zerteilen. Ich hatte Sehnsucht nach einem Boxenstopp. Als ich schwarzen Qualm aufsteigen sah, holte ich schnell die Plakette des heiligen Christophorus aus dem Handschuhfach. Zum Glück entdeckte ich dann die Leuchtreklame ihrer Autoreparaturwerkstatt und hielt dies für ein gutes Zeichen.“ „Ihr Auto leidet an Überfettung“, sagte der Werkstattleiter ungerührt. „Wenn schwarzer Rauch aus dem Auspuff qualmt, leidet ein Auto an Überfettung.“ Überfettung? Lydia war enttäuscht und dachte, wenn hier einer an Überfettung leidet, dann du.
 
Raffaelo: Ich kann manchmal schon an der Kleidung der Models sehen, ob sie nach dem Gang unter Palmen „Raffaello“ essen werden oder nicht. Wenn man Raffaello mag, trägt man gerne weiße Sommerhüte und füttert Papageien, die zu diesem Outfit passen. Habe ich das zweite Gesicht? Ich weiß zum Beispiel, wenn Manuel Neuer eine Cola trinkt, daß er total überrascht über den Geschmack sein wird, obwohl da kein Zucker drin ist. Ich denke es und tatsächlich passiert es so. Unglaublich, oder? Wie schade, daß es „Wetten das“ nicht mehr gibt. Meine Mutter konnte am Klingelton des Telefons erkennen, welches ihrer beiden Kinder anrief. Das erscheint bei zwei Kindern nicht allzu schwierig, aber sie konnte auch in der Hitparade von Dieter Thomas Heck voraussagen, wer auf Platz eins landen würde, obwohl Chris Roberts und Ricky Shayne dabei waren. Auch ich habe heute noch ein untrügliches Gefühl, bei welchen Frauen ich punkten kann und wer von ihnen mir die kalte Schulter zeigen wird. Ich kann manchmal sogar einem Apfel ansehen, ob er mir schmecken wird oder nicht. Später erfuhr ich, daß ein Okkultist, Eugen Grosche, besser bekannt als Gregor A. Gregorius, ein entfernter Verwandter von mir ist. Vielleicht liegen besondere Fähigkeiten einfach bei uns in der Familie. Auch der berühmte Skispringer Alfred Grosche kam, wie meine Vorfahren, aus dem Sauerland. Ich will nicht behaupten, daß meine kühnen Gedankensprünge mit ihm zu tun haben, aber man weiß es nicht.
 

© Erwin Grosche
 
 Redaktion: Frank Becker