Seh-Reise (30)

Drei├čigste Ausfahrt: Alhambra, Tor der Gerechtigkeit

von Michael Zeller

Michael Zeller - Foto © Frank Becker
Michael Zeller: Seh-Reise (30)
 
Mit Bildern durch das Jahr
 
30. Ausfahrt: Alhambra, Tor der Gerechtigkeit

Die Alhambra in Granada – der Wohlklang aus sechs gleichen Vokalen weist über Europas Grenzen hinaus. Solche Sprachmusik ist hier selten zu Hause. Eine Fremde, die Furcht einflößen kann oder Sehnsucht. Angst muß heute keiner mehr haben bei dieser Melodie aus sechs Mal „a“. Die Geschichte hat’s entschieden, vor mehr als einem halben Jahrtausend: 1492, als der letzte mohammedanische Sultan aus der Alhambra vertrieben wurde und ihre Schlüssel dem katholischen König Spaniens übergab. Jahrhunderte arabischer Herrschaft auf spanischem Boden waren damit beendet.
Doch was heißt das, wenn ich heute, an einem sonnenhellen Wintertag zum Beispiel, vor der Alhambra stehe, Festung, Palast und Zauberschloß in einem? Bin ich im allerchristlichsten Abendland – oder bin ich im Orient? Vernunft und Augenschein geraten in Widerstreit, Geschichtsgläubigkeit trumpft gegen Ornament, Fontäne, Kuppel, und bleibt doch ohne jede Chance.
Nach Stunden des Staunens in der Alhambra griff ich im Andenkenladen zu Grafiken aus dem neunzehnten Jahrhundert. Letzte Reste eines fremden Blicks sind darin festgehalten. Sie haben mich jetzt noch einmal über sieben Tage begleitet.
 
Der Zeichner des vorletzten Jahrhunderts hat den Touristen seiner Zeit, die die Alhambra vor der Epoche des Fotoapparats umlagerten, die eigene

Unbekannter Künstler, Tor der Gerechtigkeit, 19.Jh. Alhambra, Granada
kunstfertige Hand geliehen, sich eine Erinnerung zu verschaffen an diese außerordentliche Schönheit, die sie gerade hatten sehen dürfen.
„Tor der Gerechtigkeit“ heißt der Eingang zu Festung und Palast, hart am Rand des Burgbergs. Ein Außentor, das die Kostbarkeiten des Inneren zu schützen hat, in erster Linie. Und doch: Wie ist diese Wehrhaftigkeit aufgelöst in Ornament und Bogen! Kein trutziges Gemäuer schüchtert ein mit grob behauenen klotzigen Quadern. Gestaffelt hintereinander drei Rundbögen, mit feinsten Einlegearbeiten in Stein geschnitten. Der Verteidigungszweck scheint aufgelöst, davongeschwebt in der Freude am schönen Detail.
Waren die Steinmetze der Araber etwa pflichtvergessen? Vernachlässigten sie ihren Bauauftrag? Es hat nicht den Anschein, daß das Tor vor feindlichen Rammböcken früher in die Knie gehen müßte als ihre plumpen Gegenstücke der europäischen Gotik. Die Schönheit, die die maurischen Maurer aufwendeten, war gratis.
Damals, im neunzehnten Jahrhundert, vor dem fotografischen Zeitalter, steht der Zeichner an der Alhambra, er hat viel Schönes aufs Papier zu bringen. Als er fertig ist, vermißt er etwas: Menschen. Über den Vordergrund verteilt er also Mitbürger seiner Stadt, für die das Bauwerk dieser längst vertriebenen Heiden zur Selbstverständlichkeit ihres Alltags gehört. Der Priester darf nicht fehlen, der Mann des rechten Glaubens. Ein Paar, einige Männer, mit den spitzen Hüten ihrer Zeit. Man plaudert miteinander in der Wärme des Tages, mit der Ruhe des Südens. Geheimnislos. Die Machtfrage ist längst entschieden, sichtbar in der Muttergottes mit Jesuskind, die in das Filigran des Zierwerks hineingeschlagen ist.
 
Nur diese eine Frau, in Rückenansicht, die der Zeichner hinzuerfindet, um dem angereisten werten Publikum noch einen kleinen exotischen Kitzel zu gönnen: Die Frau steht, zwischen Sonne und Schatten, auf der Schwelle von Okzident und Orient. Gleich wird das Tor sich vor ihr öffnen – doch, das ist sicher. Und sie wird empfangen werden von den Geheimnissen und sinnlichen Sensationen einer anderen Welt. Wird es der Sultan selber sein, der sie zu sich auf sein Lager bittet, unter den Baldachin, das Plätschern eines Brunnen im Rücken, umweht von Räucherduft aus Moschus und Aloe?
Boabdil, der letzte Sultan, soll geweint haben, als er seinen Palast und die Stadt verließ, 1492, geweint über den Verlust von so viel Schönheit. Die eigene Mutter, heißt es weiter, habe ihn verhöhnt dafür, daß er den Besitz der Vorväter kampflos preisgab, und die stramme Geschichtsschreibung der Sieger weiß ihm naturgemäß ebenfalls nur mit Spott und Verachtung dafür zu danken, daß er die Alhambra vollkommen unversehrt seinen Feinden überlassen hat.
Einem tumben Krieger, der nicht anders kann, als bei seinem eigenen Untergang die Welt in Schutt und Asche zu legen, zollt die Menschheit bis heute noch Anerkennung und baut ihm ein Denkmal. Ein Verlierer, der weint über verlorene Schönheit, taugt nicht für die Lehrbücher großer Taten.
Das sieht man unserer Welt an, gerade auch in Europa.
 
Unbekannter Künstler, Tor der Gerechtigkeit, 19.Jh. Alhambra, Granada
 
 
Redaktion: Frank Becker