Haiku - Die edle kurze Form der japanischen Lyrik

„Haiku“ - Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Japanisch/Deutsch

von Frank Becker


Haiku
 
Die edle kurze Form der japanischen Lyrik

Als lockeres Fingerspiel
will ich den Fächer bemalen
mit dem Saft der Gräser

Yosa Buson


Bereits 1963 feierte Gerolf Coudenhove (1896-1978) in seinem Buch „Japanische Jahreszeiten“ die hohe Kunst des Tanka und des Haiku (Hokko), der einzigartigen japanischen Kurzgedichte, welche Dichtung und Philosophie mit scheinbar leichter Hand hingetuscht und doch wie für Ewigkeiten in Worte gemeißelt verbinden. Der Manesse Verlag legt aktuell eine optisch wie haptisch außerordentlich gelungene Neufassung dieses Klassikers vor, die wir Ihnen heute ans Herz legen möchten.
Es sind, nach dem Wechsel der Jahreszeiten in Kapitel geordnet, mehr als 1.000 Tanka und Haiku (vom „Hokku“ herkommend), Dokumente japanischer Dichtung und Philosophie von siebenten bis zum zwanzigsten Jahrhundert, die in diesem kostbaren Buch zusammengetragen wurden. Keiner der großen japanischen Dichter fehlt in der delikaten Sammlung: Matsuo Basho, Masaoko Shiki, Yosa Buson, Kaiser Meiji, Kobayasho Issa, Onoe Shibafune, Getto, Kaiserin Jito, Hakusui, nur einige der prominenten Namen unter den vielen dieser Sammlung. Es ist ein ungeheurer Schatz an köstlichen Gedanken und großartigen Gefühlen, an Lebenszugewandtheit und mitreißender Melancholie, auf die knappe Form von 31 (Tanka) oder 17 (Haiku) Silben gebracht.
Wobei angemerkt werden muß, daß diese strenge Regel längst nicht mehr das Evangelium für alle Haiku-Dichter darstellt, wie Masami Ono-Feller in ihrem Vorwort mit einem kurzen Abriß der Haiku-Geschichte herausstellt.
Blühende Deutzien!
Ich schäme mich meines
handgewobenen Kleid
s
Arii Shokyu
 
Der mustergültig aufgebaute Textapparat, bei dessen Auswahl die in Deutschland lebende Haiku-Dichterin Masami Ono-Feller den Herausgeber und Übersetzer, den Zürcher Japanologen Eduard Klopfenstein beraten hat, präsentiert die ausgewählten Dichtungen im japanischen Original neben einer Übersetzung und einem aufschlußreichen Kommentar von Eduard Klopfenstein nebst Querverweisen. Bei der Auswahl der rund 100 neueren Haiku haben Kaneko Tota und Kuroda Momoko mitgewirkt, beide Juroren von Haiku-Kolumnen überregionaler japanischer Zeitungen.
 
Der umfangreiche Anhang stellt die Dichterinnen und Dichter vor, gibt abermals Querverweise zu textlichen, gedanklichen und historischen Verbindungen und stellt Vergleiche an. Das Nachwort des Herausgebers ist ein handlicher Leitfaden zur Geschichte und zum Verständnis der Haiku-Dichtung. Diese Anthologie, die für Kenner wie für „Neueinsteiger“ ein Genuß und höchst wertvoll ist und dern Rang eines Standardwerks für sich beanspruchen kann, wird höchsten Ansprüchen gerecht und verdient nicht nur unser Prädikat, den Musenkuß, sondern darüber hinaus den Platz als Buch des Monats der Musenblätter.
Auf Wein verzichten?! Wie?
Was bleibt mir an Begierden
noch zum Spielen übrig?
Kaneko Tota
 
„Haiku“ - Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Japanisch/Deutsch
Auswahl, Übersetzung und Kommentar: Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller
© 2017 Verlag Philipp Reclam jun., gebunden, 16 x 24 cm, zwei Lesebändchen
ISBN: 978-3-15-011116-1
44,- €
 
Inhaltsverzeichnis:
Vorwort: Haiku-Dichten in Japan  -  Haiku. Japanisch / Deutsch
Anhang:
Zu den Dichterinnen und Dichtern - Kleines Haiku-Glossar - Das Kasen »Solch eine«
Nachwort – mit einem kurzen Überblick über die Geschichte der Haiku-Dichtung
Literaturverzeichnis - Verzeichnis der Autorinnen und Autoren - Alphabetisches Verzeichnis der Haiku
 
 
Lese-Empfehlungen zum Thema:
- Tom Lowenstein – „Klassische Haiku“, Librero 2015
- Gerolf Coudenhove – „Japanische Jahreszeiten - Tanka und Haiku aus dreizehn  
  Jahrhunderten“, 1963/2015 Manesse Verlag
- Amira Ben Saoud & Manfred Gram – „Wie man hassen soll“, 555 Haikus gegen alles,
  2015 Milena Verlag