Aus meinem Zettelkasten (5)

Merkw├╝rdigkeiten, bemerkt

von Erwin Grosche

Erwin Grosche
Foto © Uwe Nölke

Aus meinem Zettelkasten 5

 

1. Wenn ich endlich einen Großteil meiner häßlichen Unterhosen aussortieren würde, dann sähe es in dieser Welt anders aus. Obwohl ich mich frage, ob dieser Welt dann nicht auch etwas fehlen würde. Ermöglicht nicht erst auch das Auftauchen meiner häßlichen Unterhosen der Schönheit ihr Angeben? Solche Fragen müssen erlaubt sein.

2. Würden wir das Aftershave auch nach dem Rasieren benutzen, wenn es nicht gut riechen würde?

3. Meine Frau sagte: „Immer sitzt Du vor dem Fernseher.“ Ich sagte: „Das ist eher umgekehrt.
Der Fernseher sitzt immer vor mir.“  Ich sagte: „Mein Fernseher ist der Hund, den ich als Kind nie hatte. Mein Fernseher ist Susanne Grotewohl, die mich als Jugendlicher abwies, als ich mit ihr zu einer Party gehen wollte und sie dort dann mit Benno Huber erschien, der nun auf Sat 1 eine Pech und Pannenshow  hat, die bei meinen Schicksalsschlägen eigentlich mir zustehen würde. Mein Fernseher ist die Insel, die ich nie entdeckt habe, der Schatz, den ich  nie gefunden habe. Mein Fernseher ist das Paradies, in das ich nie gelangen werde.“

 4. Welcher Teufel kam auf die Idee, die sprachliche Eigenart des „s“ Betonens mit dem Wort „Lispeln“ zu beschreiben? Ich lispele, du lispelst, er lispelt. Wir lispeln, ihr lispelt, sie lispeln. Welcher Teufel konnte nur derart gemein handeln? (In diesem Satz kam kein „s“ vor).

5. Jeden Morgen versucht ein Vogel in mein Zimmer zu dringen. Er fliegt meine Scheibe an, setzt sich davor und will hineingelassen werden. Ich weiß, welche Wirkung ich auf Vögel habe, aber was sollten wir miteinander anfangen, wenn wir uns in meinem Zimmer begegnen würden. Ich könnte mir vorstellen, daß er dann hinaus will und ich hinter ihm her renne,  um ihn zum offenen Fenster zu treiben und er das als bedrohlich empfinden würde, und schon hieße es, wie würden uns nicht verstehen. Jeden Morgen versucht ein Vogel in mein Zimmer zu dringen. Ich schau mir das gerne hinter meiner verschlossenen Scheibe an und denke oft, wie nah wir uns sind, wenn wir es bei diesem Abstand belassen.

6. Herr Tretoh ging manchmal mit einem Freund in den Westfalenhof, auch wenn ein kleines Problem ihr Glück trübte. Sie nahmen mit den Insassen des Hauses (und anderen Gästen aus Stadt und Stadtverwaltung) am Mittagstisch teil. Das Essen war gut und bestand neben einem Salat aus Suppe, Hauptspeise und Nachtisch. Sein Freund aber aß ungern die Suppe, weil man sie schon zusammen mit der Hauptspeise auf dem Tablett holen mußte.
„Dann wird die Hauptspeise doch kalt“, sagte der Freund von Herrn Tretoh. „Bis ich die Suppe aufgegessen habe, ist das Hähnchen kalt und die Kartoffeln dampfen nicht mehr. “
Herr Tretoh dachte nach. „Das ist ein Problem, das sich lösen lassen müßte“, sagte er.
„Vielleicht mußt Du die Suppentasse nur halb füllen, damit die Hauptspeise nicht so lange auf den Zugriff warten muß.“

Herr Tretohs Freund nickte, sie standen gerade vor der Essenausgabe und füllten ihre Suppentassen nur bis zur Hälfte mit Suppe. Dann gingen sie mit dem Tablett an ihren Tisch und konnten sowohl die Suppe, als auch die Hautspeise in der richtigen Eßtemperatur genießen. Herr Tretohs Freund lachte so befreit auf, da schmeckte ihnen der Pudding gleich doppelt gut. Plötzlich schlug Herr Tretohs Freund mit einem kleinen Löffel an sein Glas und stand auf. „Ich möchte eine Rede halten“, sagte er. Der Lärm im Speisesaal verstummte. Alle Gäste des Westfalenhofes starrten ihn neugierig an, nur Frau Lömmel sprach weiterhin mit sich selbst, hörte sich aber nicht zu.

„Danke“, sagte Herr Tretohs Freund. „Ich bin so froh, daß es Suppe gibt. Ohne Suppe könnte ich mir kein glückliches Leben vorstellen. Ohne Suppe hätte ich keine Vorfreude auf die Hauptspeise. Ohne Suppe wüßte ich gar nicht, was man dauernd mit den großen Löffeln machen sollte. Ich gebe zu, ich habe sehr lange keine Suppe gegessen, aber auch nur, weil mich die gleichzeitige Tablettaufnahme von Suppe und Hauptspeise überfordert hatte. Nun habe ich von einem Freund den Tip erhalten, wie ich die Suppe durch die richtige Dosierung und durch das richtige Esstempo genießen kann. Ein Hoch auf die Freundschaft, ein Hoch auf die Suppe, sie ist das Warming Up der Hauptspeise, sie ist die Vorgruppe der Rolling Stones. Dies wollte ich sagen. Nun bin ich aber still.“

Herr Tretohs Freund setzte sich wieder. Die Gäste des Westfalenhofes klatschten und aßen schnell ihr Essen weiter, bevor es kalt wurde.


© Erwin Grosche - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2008