Das Gras war zh

von Wolf Christian von Wedel Parlow

Wolf Christian von Wedel Parlow
Foto © Frank Becker

Das Gras war zäh
 
So hatten sich die beiden noch nie von ihm verabschiedet. Jette stieg sogar noch einmal aus, um ihn ein drittes Mal zu umarmen. Rike winkte nur, das Gesicht naß von ihren Tränen. Der Fahrer blickte teilnahmslos geradeaus. Die Falttür des Busses schloß sich mit einem Quietschen. Er sah die beiden nur noch undeutlich durch die abgedunkelten Scheiben. Sie würden sich bald wiedersehen, aber nicht mehr hier. Nicht mehr in Käswasser.
Er verbot sich den Blick hinüber zur Stiefelhöhe, den Kindheitsblick, bei dem diese Schwere aufstieg, von ganz unten bis in seinen Hals. Wie konnte er nur so sentimental sein!
Den Rest des Tages würde er für das Aufräumen brauchen. Die Vitrine und das Bücherbord mit dem Schrankfach mußten leer geräumt werden für die Abholung durch die Möbelspedition. Der Geschäftsführer der traditionsreichen Heidelberger Firma war persönlich gekommen, um die Sachen zu inspizieren. Er hatte Fotos von jedem einzelnen Stück gemacht, das er abholen sollte, und über die Konkurrenz geklagt, die ihm mit Niedriglöhnen das Leben schwer machte. Rick hatte ihm erklärt, bei wem er den Hausschlüssel hinterlegen werde, nur fünfzig Meter weiter unten, rechts in den Stichweg hinein, das erste Haus links. Der Shaker-Tisch komme nach Berlin, die Armlehnstühle auch, aber an verschiedene Adressen. Er werde alles beschriften, auch die Truhe, die nach Warendorf komme, wo sie eine Schwester von Gretes Freund in Verwahrung nehme.
Er stierte an die Balkenwand. Wie war er nur darauf gekommen, hier ein Haus bauen zu lassen? Sechshundert Kilometer von Berlin. Jedes Mal diese ewige Fahrt mit dem Kadett Caravan, mit den Grenzkontrollen an der Transitstrecke durch die DDR. Mit Jette und Rike hinten auf der mit Schaumgummi gepolsterten Ladefläche, damals in den Jahren nach 1968, als sie noch nicht an Kindersitze dachten.
Gewiß, auch Britta war für das Haus. Aber er hätte sich weigern können. Schließlich war es sein Grundstück. Der Vater hatte es ihm geschenkt. Ein eigentlich wertloses Hanggrundstück, ein Keil zwischen der Ortsstraße und der steil zum Wald hinaufführenden Schmiedshohl, fast einen halben Hektar groß. Noch bis in die 1950er Jahre hinein hatten es die Nachbarn bebaut, mal mit Kartoffeln, mal mit Futterrüben. Ihre beiden Kühe zogen den Pflug. Später überließ es der Vater einer pensionierten Heidelberger Lehrerin, die dort ihre beiden Pferde weiden ließ. Pacht konnte er dafür nicht verlangen. Er war froh, daß jemand etwas damit anfing. Sonst hätte er den Hang mähen lassen müssen. Denn die Gemeinde duldete nicht, daß man die Wiesen verkrauten ließ.
Gedankt hatte Rick dem Vater nie, weder für das Grundstück noch für andere zu dessen Lebzeiten gewährte Wohltaten. An der Stelle, wo er solche Gefühle wie Dankbarkeit hätte spüren können, war nur Dumpfheit, Verhärtung. Er wußte nicht, warum er dort nichts spürte. Wollte er es überhaupt wissen? Dazu hätte er seine ganze Vergangenheit aufgraben müssen. Das mußte jetzt nicht sein.
Als Rick das Grundstück übernahm, brachte die Lehrerin noch regelmäßig ihre beiden Pferde auf das eingezäunte Stück Weide. Er mußte sich noch nicht allzu viel kümmern um den Besitz. Die Kollegen in Berlin neckten ihn schon, wenn er sich mal wieder aufmachte nach Käswasser. Ah, mal wieder nach den Latifundien sehen, oho. Endlich sei er nun ein vollwertiger Junker.
Aber die Lehrerin wurde alt, auch ihre Pferde. Auf der anderen Talseite hatte man ihr ein Stück Wiese angeboten, viel schöner als Ricks Hang. Dort verlebten die beiden Gäule ihr Altenteil. Rick mußte eine neue Lösung für den Besitz finden. Warum nicht selber die Wiese mähen? Er beschaffte sich eine Sense und einen Wetzstein und begann bei schönem Wetter das bereits hoch stehende Gras zu mähen. Beim Nachbarn hatte er sich abgeschaut, wie man das machte. Aber die Übung fehlte ihm. Das Gras war zäh. Nachdem er einen etwa zehn Meter langen und zwei Meter breiten Streifen gemäht hatte, wurde er müde. Nachher würde er weitermachen  - oder morgen. Daraus wurde nichts. Er betrachtete noch einmal den ganzen Hang und fand, daß er sehr lange brauchen werde, wenn er alles auf diese Weise mähen wollte.
Der Nachbar hatte ein Einsehen. Mit dem Balkenmäher sei das keine Arbeit. Was er ihm dafür schuldig sei. Nichts, er habe doch hier ein Bienenhäusle stehen, seit der Großvater es ihm erlaubt habe. Früher habe er der Mutter noch jährlich ein Glas Honig gebracht. Aber seit er die Bienen abgeschafft habe, sei er die Pacht schuldig geblieben.
Dann hatten sie also das Haus bauen lassen, ein Blockhaus der Firma Finjark, Typ Kemi. Der Vater war gestorben und hatte Rick und drei Geschwistern im Nachbarort ein Baugrundstück hinterlassen. Von Ricks Anteil am Verkaufserlös konnten sie fast alles finanzieren. Den Rest lieh die Sparkasse. Innerhalb eines Tages hatte der Trupp das Haus hochgezogen, berichtete Britta, die den Bau beaufsichtigte.
Rick war schon zurück in Berlin. Sein Weihnachtsurlaub war abgelaufen. Die Dissertation lag ihm auf der Seele. Er hatte wieder einmal das Konzept geändert. Professor Thalheim war einverstanden. Noch nie hatte er zu bedenken gegeben, ob das Vorhaben nicht vielleicht doch etwas zu groß sei für eine Dissertation.
Was für ein Glück, daß das alles hinter ihm lag. Vierzig Jahre waren seitdem vergangen. Und zwischendrin die Geschichte mit Nimat. Wie kam er jetzt überhaupt darauf? All die Jahre hatte er nicht mehr an sie gedacht. Auch Nora hatte er nicht von ihr erzählt. Er riß sich zusammen. Er war noch nicht weit mit dem Aufräumen.
 
 
© 2015 Wolf Christian von Wedel Parlow