Ein sinfonischer Sonnengesang

Sinfonieorchester Wuppertal glšnzt mit Beethoven und Sibelius

von Daniel Diekhans


Ein sinfonischer Sonnengesang
 
Gastspiel in Velbert: Sinfonieorchester Wuppertal
glänzt mit Beethoven und Sibelius
 


Programm:
Jean Sibelius „Sinfonie Nr. 4 a Moll“ und Ludwig van Beethoven „Sinfonie Nr. 6 F-Dur“, genannt „Pastorale“
Mitwirkende: Sinfonieorchester Wuppertal - Ltg. GMD Toshiyuki Kamioka
 
Manchmal glaubt man, ein Werk in- und auswendig zu kennen. Beethovens Sechste zum Beispiel. Dutzende Male hat man diese Sinfonie gehört. In der Schule analysiert. Dann hört man sie wieder – und traut seinen Ohren nicht. Das scheinbar Vertraute klingt völlig neu. Als ob man die Welt mit anderen Augen anschaut. Für dieses seltene Glück sorgte das Sinfonieorchester Wuppertal beim 8. Sinfoniekonzert. Mit ihrer frei atmenden, zupackenden Interpretation brachten Toshiyuki Kamioka und sein Orchester Beethovens „Pastorale“ zu neuen Ehren. Auch Sibelius’ 4. Sinfonie  sprühte Funken. Nach Auftritten in der Stadthalle Wuppertal war dieses Programm vergangenen Dienstag noch einmal im Forum Niederberg in Velbert zu erleben.
 
Sibelius’ Vierte markierte die endgültige Abkehr von den klassisch-romantischen Vorbildern und nicht zuletzt von Beethoven. Nicht Themen, sondern Motivpartikel prägen das 1911 uraufgeführte Werk. So entwickelt sich der gesamte Kopfsatz aus dem dissonanten Tritonus-Intervall. Im dritten Satz erklingt das Hauptmotiv erst gegen Ende. Das Finale kommt ohne großes Drama aus und verklingt stattdessen in einem lakonisch schlichten Akkord. Hochkonzentriert widmeten sich die Sinfoniker dem Werk, das für jede Instrumentengruppe große Soli – von den Streichern über die Bläser bis hin zur Perkussion – bereithielt. Die Tuttipassagen, die immer wieder ein delikates Pianissimo fordern, wurden ebenfalls gemeistert. Souverän führte Dirigent Kamioka seine Musiker an und verdichtete die kammermusikalischen Strukturen am Ende zu einem großorchestralen Farbenrausch.
 
Ein Jahrhundert vor der Neubestimmung der Sinfonie durch Sibelius und seinen Zeitgenossen brachte Beethoven diese Gattung zur klassischen Vollendung. Bei seiner 6. Sinfonie freilich überschritt er die Grenzen der absoluten Musik und zeichnete eine Landpartie samt Vogelgezwitscher, Gewittersturm und einem „lustigen Zusammensein der Landleute“ nach. Angeleitet von einem strahlenden Toshiyuki Kamioka, machten die Musiker die Sechste zu einer echten Ode an die Lebensfreude. Schon „bei der Ankunft auf dem Lande“ jubilierten und trillerten Geigen und Holzbläser in vollen Tönen. Im „Andante“-Satz drehten die Instrumente Pirouetten, die selten so grazil ausfielen. Die beiden letzten Sätze, die eine spannungsreiche Einheit bildeten, gerieten zu einem Sonnengesang mit Klängen voller Wärme und pulsierendem Leben. Vielleicht ist die „Pastorale“ doch die schönste Sinfonie, die Beethoven je geschrieben hat. Vielleicht war dieser Abend mit den Wuppertaler Sinfonikern aber auch einfach zu schön, um wahr zu sein.
 
Daniel Diekhans
 
Weitere Informationen unter: www.sinfonieorchester-wuppertal.de