Ich weiß auf der Wieden ein kleines… Theater!

Ein Geheimtip aus Wien

von Gustav W. Grumbach

Bildunterschrift
Ich weiß auf der Wieden
ein kleines… Theater!
 
Ein Geheimtip aus Wien
von Gustav W. Grumbach
 
Alle haben sie es gesungen, von Peter Alexander
über Rudolf Schock und Zarah Leander bis zu Fritz Wunderlich – das Walzerlied von Ralph Benatzky
‚Ich weiß auf der Wieden ein kleines Hotel…’
 
Wer dort, im 4. Wiener Bezirk, heute wirklich ein schönes Hotel weiß, ist gut beraten: Beschaulicher geht es hier zu als in der ‚inneren Stadt’ inmitten der Ringstraße, wo sich die Menge vom Stephansdom zum Michaelerplatz und zur Hofburg schiebt. Dabei sind Staatsoper und Pestsäule von der Wiedner Hauptstraße aus in einem kleinen Spaziergang zu erreichen; bei schlechtem Wetter verkürzt die mit schöner Regelmäßigkeit verkehrende Straßenbahn den zeitlichen Abstand auf wenige Minuten, und schon kann der Besucher sich an den sündhaft teuren Auslagen von Kärntnerstraße und Graben waiden. Preiswerter lebt es sich auf der Wieden, und während man im 1. Bezirk Schlange stehen muß, um einen Tisch in einem der alten Traditionscafés zu ergattern, lädt hier das stimmungsvolle Café Wortner vom Frühstück bis in die tiefe Nacht zu geruhsamer Einkehr

© Café Wortner
bei ganztägig warmer Küche, Kuchen und Kaffee, Bier und Wein und Dienstagabends live zelebriertem Jazz.

Schräg gegenüber, Wiedner Hauptstraße 60 b, liegt unser besonderer Geheimtip, die Freie Bühne Wieden. Ein nostalgisches kleines Theater, keine hundert Plätze, im ersten Stock gelegen – an der Breite der Treppe nach oben läßt sich noch ablesen, was für Bewohner in den alten Häusern lebten, als sie neu erbaut waren: Die Stufen sind exakt so breit, daß zwei Offiziere, die aufwärts gehen, und zwei, die nach unten unterwegs sind, aneinander vorbei können, ohne daß einer zurücktreten oder warten muß. Anschauliches Beispiel dafür, wie Etikette Architektur beeinflußt.
Auch die Theaterräumlichkeiten atmen den Charme der vorletzten Jahrhundertwende – die kleine Garderobe, das Kassenzimmer mit den beiden freundlichen Damen, die jeden Gast persönlich begrüßen, und die gemütliche Bar, die eher an einen intimen  Salon erinnert mit ihren hell lackierten alten Möbeln. Sachlicher dagegen der Zuschauerraum, mit gutem Blick auf die Bühne von allen Plätzen. Manchmal rumpelt es ein wenig in der betagten Heizung, aber das vergißt man, sobald die Vorstellung läuft: Sofort ziehen die engagierten Schauspieler das Publikum in ihren Bann.
Auf dieser Bühne, von den vorderen Plätzen aus zum Greifen nah, hat vor Jahren Topsy Küppers ‚Heute Abend: Lola Blau’ kreiert, das Erfolgsstück von Georg Kreisler, das über alle deutschsprachigen Bühnen gegangen ist und noch heute bewegend vom Emigrantenschicksal einer jüdischen Künstlerin erzählt.

Seitdem hat das kleine Theater eine Vielzahl neuer Stücke gezeigt – fast alle Premieren sind zugleich Uraufführungen. Michaela Ehrenstein leitet das Haus seit 2010/11 und ist häufig auch als Hauptdarstellerin zu sehen. So in Eva König oder Das Glück des Gotthold Ephraim Lessing in der Wiedner Hauptstraße, dem neuen Theaterstück von Gerald Szyszkowitz, das seit dem 16. April auf dem Programm steht. Szyszkowitz, früher mehr als 20 Jahre Fernsehspielchef des ORF und als Regisseur lange Zeit an großen deutschsprachigen Bühnen zuhause, hat sein Stück selbst inszeniert und führt oft Regie an der Freien Bühne.
 

Marcus Strahl - Foto © Rolf Bock
Eva König erzählt die Geschichte von Lessings später und lange Zeit nicht ausgelebter Liebe zu der Witwe und  Fabrikantin (1775!) König, die in Wien zwei Textilmanufakturen führt und sieben Kinder zu versorgen hat. Der Dichter kommt in die Stadt, weil man ihn als Direktor für das Hofburgtheater ausersehen hat; Kaiser Josef hat nämlich noch in keinem Trauerspiel  wie in Lessings Emilia Galotti  so viel - gelacht. Doch er wird hingehalten, die Verhandlungen zerschlagen sich, und der enttäuschte Autor wagt in seinem Unglück nicht, die versprochene Ehe mit Eva König zu schließen. Szyszkowitz hat die Parallelen zwischen Lessings Erfolgslustspiel Minna von Barnhelm und der biographischen Wiener Situation ausgenutzt und  die privaten Ereignisse geschickt in die berühmte Komödie eingebaut. Das ist komisch und geistreich für den Zuschauer, der seine Minna gut kennt - und für den, der sie nicht kennt, ebenso heiter und unterhaltend.
Auf der Bühne stehen durchweg gute Schauspieler, wie man sie an einem so kleinen Theater vielleicht nicht unbedingt erwarten würde. Michaela Ehrenstein zeichnet eine noble und - meist - überlegene Eva König - oder soll man sagen Minna? - und gibt der Figur doch die Verletzlichkeit, die beim Zuschauer Bewegung und Anteilnahme hervorruft. Marcus Strahl spielt einen im Unglück erstarrten und erst durch Evas List feurig erwachenden Lessing vulgo Tellheim. Gerhard Rühmkorf als Diener Just, Felix Kurmayer als Wirt des ‚Ochsen’ und Martin Gesslbauer als Riccaut de la Marliniere stellen überzeugende und konsequent durchgehaltene Figuren auf die Szene, und Kerstin Raunig als Franziska gelingt ein anrührendes

Kerstin Raunig, Philipp Limbach - Foto © Rolf Bock
Kabinettstück, wenn die Heiterkeit auf ihrem Gesicht zum Flirt und noch im selben Augenblick zu echter Verliebtheit wird. Bei Szyszkowitz ist es nicht Just, dem ihre Zuneigung gilt, sondern - die einzige Rolle, die nicht in Minna von Barnhelm vorkommt - der junge Tobias von Gebler, den Philipp Limbach mit Elan und Verve ausstattet.
 
Grundsätzlich erlebt man hier etwas, was es auf deutschsprachigen Bühnen heute kaum noch gibt: einen dichten und von der Regie genau gearbeiteten Dialog und eine Textverständlichkeit, die nicht nur mit der Nähe des Zuschauers zur Bühne zu tun hat. Dabei ist die Aufführung keineswegs altmodisch - der Text steckt voller Aktualitäten - es ist einfach ein anderes, publikumsfreundliches Konzept, nach dem man hier arbeitet. Auch die früheren Stücke im Repertoire des Hauses verbinden den Wunsch zu unterhalten mit Problembewußtsein. Da wird der Bogen gespannt von Schmiergeld von der Waffenlobby bis zu Ich weiß auf der Wieden ein kleines Hotel… eine Mischung, die stimmt. Probieren empfohlen!
 
Eva König oder Das Glück des Gotthold Ephraim Lessing in der Wiedner Hauptstraße
von Gerald Szyszkowitz
 
Regie und Bühne: Gerald Szyszkowitz – Kostüme: Babsi Langbein - Mozart-Variationen: Béla Fischer - Regieassistenz und Licht Vera Bernhauser - Fotos: © Rolf Bock
Besetzung: Gotthold Ephraim Lessing: Marcus Strahl - Just, Bedienter: Gerhard Rühmkorf - Eva König, Fabrikantin: Michaela Ehrenstein - Franziska, ihr Mädchen: Kerstin Raunig - Tobias von Gebler: Philipp Limbach - Wirt: Felix Kurmayer - Riccaut de la Marliniere: Martin Gesslbauer


Michaela Ehrenstein, Marcus Strahl - Foto © Rolf Bock
 
Uraufführung: 16. April
Vorstellungen: 17., 18., 19., 20., 23., 24., 25., 26., 27., 30.April 1.,2.,3.,4. Mai 2013
 
Freie Bühne Wieden. Wiedner Hauptstr. 60b. A-1040 Wien
Tel: 0043- 664- 3723272