Im not only the funny guy

Der Zauberer ist tot - Jerome Savary: 27. Juni 1942 - 4. Mrz 2013

von Alexander Hauer

Der Zauberer ist tot
 
Jerome Savary
(27. Juni 1942 - 4. März 2013)
 
„I‘m not only the funny guy”. Auf der Premierenfeier seiner “Lustigen Witwe” im Dresdner Hilton lernte ich ihn kennen. Gemeinsam standen wir am Buffet an und gerieten ins Gespräch. Er war kleiner, als er auf der Bühne wirkte, aber er strahlte eine Zuversicht aus, wohl ahnend, daß die Presse, wie so oft, seine Inszenierung verdammen würde, sie aber vom Publikum geliebt wurde.
In den 60ern gründetet er den „Le Grand Magic Circus“, eine zum großen Teil aus Laiendarstellern bestehende Schauspieltruppe, die gegen den damaligen Trend im Theatergeschehen wirkte. Gegen das sauertöpfisch Belehrende setzte er das große Spektakel, laut, schrill, oft sexistisch, aber niemals langweilig. Peter Zadek holte ihn nach Deutschland. In Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ ließ er halbnackte Tänzerinnen in Naziuniformen agieren und Nazis unterm Hakenkreuz steppen. Damit machte man sich Anfang der 80er immer noch keine Freunde in Deutschland, genauso wenig wie mit seinem „Weihnachten an der Front“ mit strippenden Landsern.

Er revolutionierte die Operette, indem er sie wieder zu ihren Ursprüngen zurückführte. Aus der behäbigen Bürgerlichkeit wieder zurück in das frivole Umfeld der Halbwelt. Sein „Pariser Leben“, seine „Perichole“ sind Lehrstücke für die heranwachsende Regiegeneration, so muß Operette gehen, dann ist sie auch erträglich, nein, dann macht sie auch Spaß. Er konnte aber auch Ernst, seine Inszenierungen in Bregenz, und sie machten eigentlich aus Bregenz das, was es heute ist, die „Zauberflöte“ , die „Carmen“ und sein „Hoffmann“ waren stets sehr ernst zu nehmende, subtil geführte Regiemeisterleistungen, genau wie wesentlich später sein „Rigoletto“ an der Bastille. Neben Offenbach war Rossini einer seiner Hausgötter, und wie es sich für Götter gehört, nahm er sie ernst, er diente ihnen, und er diskriminierte sie nicht.
Auf der anderen Seite pflegte er den Umgang mit der Schlampe in der Familie des Musiktheaters – die Revue. Seine bekannteste ist „Bye Bye Showbiz“, oft und immer erfolgreich nachgespielt, eine sehr pariserische ist „Mistinguett“, für Wien kreierte er eine Josephine Baker Show fürs Ronacher. Während meines Studiums durfte ich „Cocu & Co“ (mehrfach) im Schauspielhaus erleben. Seine Don Giovanni Adaption „Don Juan Tango“, 1986 in Lyon, beschäftigte sich auf höchst amüsante Weise mit der AIDS-Problematik auf dem Höhepunkt der AIDS-Panik in Europa.
Ebenfalls 1986 machte er aus Ute Lemper, die bis dahin ein CATS-chendasein führte, einen Weltstar(außer in Deutschland), indem er sie als seine Sally Bowles in „Cabaret“ besetzte und damit der Welt bewies, daß „Cabaret“ ohne Liza Minelli Parodie besser ist.

Als Intendant der Pariser Opera Comique, ein Haus ohne Ensemble, ohne Orchester, ohne Ballett aber dafür tief verschuldet, kreierte er für die Jahrtausendwende nochmal eine „Perichole“. Neu arrangiert, jazzig schräg und schrill mit ihm selbst als Diktator wurde sein Regietriumph live von arte übertragen und leider nicht auf DVD herausgebracht. Als die Comique dann endlich schwarze Zahlen schrieb, wurde sein Vertrag aus Altersgründen nicht verlängert.
2009 zeigte er mit “Vögel ohne Grenzen“ das Aristophanes‘ „Die Vögel“ mehr sind, als uns die Schulweisheit lehren wollte, trotz kühler Außentemperaturen war es ein heißer Abend in Berlin.
„I’m not only the funny guy“ - gerne denke ich an den Abend im Hilton zurück, an das lange Gespräch, das er mit mir, einem bis dahin völlig Fremden geführt hatte, das sich von der Revue, über Operette bis hin zur ernsten Oper zog. Wie alle offensichtlich lustigen Menschen hatte Jerome Savary einen sehr ernsten Kern.
Am vergangenen Montag erlag er seinem Krebsleiden, die Welt – und vor allem die Theaterwelt – hat einen wertvollen Bürger verloren.

Alexander Hauer