Das M├Ądchen im Bikini

von Erwin Grosche

Archiv und © Musenblätter
Das Mädchen im Bikini
 
Das Wartehäuschen der Bushaltestelle wird oft mit großformatigen Plakaten beklebt. Letztes Jahr im Winter überraschte mich darauf eine Frau im Bikini. Es war nicht so sehr ihre kokette Art, die mich beunruhigte, sondern ihr Auftreten im Bikini. Ich meine, es war Winter und es lag Schnee, und davon unberührt hing dieses Bikinimädchen und lächelte uns an. Hatte das arme Ding denn niemanden, der es daran erinnerte, sich im Winter wärmer anzuziehen? Sicher, sie stand im wohlbeheizten Studio und hob die Arme, als wollte sie gleich einen bunten Wasserball schnappen, der ihr zugeworfen wurde. Das Bikinimädchen warb im Auftrag einer großen Modekette für diesen Bikini; der Wasserball war Dekoration. Obwohl die Frau dabei in die Kamera gelächelt hatte und damit alle, die sie nun betrachten durften, auch anlächelte, stand dieses Bild im sonderbaren Kontrast zu uns Wartenden an der Bushaltestelle. Das Bikinimädchen konnte mich nicht täuschen. Sie war keine Frau für eine Bushaltestelle. So eine Frau würde niemals in einem Bus fahren, außer der Bus wäre der Ort für eine Fotosession, wie man dieses Herumgeknipse auch nennt. Das war eine Frau, die wurde eigens mit dem Auto abgeholt und dorthin gebracht, wo dann dieses Foto entstanden ist. Ich habe auch nichts dagegen, wenn man mich anlächelt, im Gegenteil, aber die Frau auf dem Foto lächelte mich nicht an, sondern alle und niemanden.
   Ich möchte nicht wissen, mit welchen Worten der Fotograf sie dazu gebracht hat, so zu lächeln und sich dabei in Positur zu werfen. „Oh!“ Wahrscheinlich dachte sie in diesem Augenblick an ihre Kaffeetasse, die sie wieder irgendwo abgestellt hatte, und wußte nicht mehr, wo. „Oh!“ Sie dachte vielleicht in dem Augenblick des Ablichtens an den Klempner, den sie vergessen hatte abzubestellen und der genau in diesem Augenblick vor ihrer verschlossenen Haustür stand, während sie auf Geheiß des Fotografen dauernd „Oh!“ rufen mußte, damit das Ganze wie eine Strandszene an einem glücklichen Sommertag wirkte. „Oh!“ Vielleicht dachte sie an eine Reisende, die aus einem Flugzeug steigt, deren Frisur trotz Wind tadellos und fotogen bleibt. Wahrscheinlich war sie sogar diese Frau in der Werbung gewesen und sie hatte nur vergessen, ob sie diesen Augenblick wirklich erlebt hat oder ob er nur Teil einer Inszenierung gewesen war. Sie dachte dabei bestimmt an keinen Busreisenden, der sich bei allergrößter Kälte die Hände reibt und die Nase hochzieht. Mir tat das Mädchen in ihrem Bikini leid. Es mußte sonderbar sein, vor anderen in einem Bikini zu posieren und zu lächeln. Die Aktion erschien mir so sinnlos, daß ich hoffte, sie sei dafür wenigstens gut bezahlt worden.
  Ach, hätte sie doch ihren Freund getroffen am Baggersee und der hätte ein Foto von ihr geschossen, auf dem sie ihn anlächelte. Das wäre für zwei Menschen eine Erinnerung gewesen, die sich gelohnt hätte festzuhalten. Das Foto an der Bushaltestelle verspricht nur diese Einmaligkeit, aber enttäuscht mit seinen Hintergedanken. Frau Brehme, Frau Roth und auch die Aldiverkäuferin sollten den Vergleich mit diesem Modemädchen nicht scheuen. Frau Brehme, Frau Roth und auch die Aldiverkäuferin haben dieser jungen Person durchaus etwas entgegenzusetzen. Die wissen nämlich, wen sie anlächeln würden und wen nicht und in welchem  Aufzug und wo. Und Frau Brehme, Frau Roth und die Aldiverkäuferin können lachen, das ist unverwechselbar, da lacht man mit, ob man will oder nicht.
 
 
 © Erwin Grosche - Veröffentlichung aus "Lob der Provinz" mit freundlicher Erlaubnis