Hommage in schmerzlich-komisch

"Schiefergold" - Bergische Grabungen von ChloŽ Cremer

von Martin Hagemeyer

Foto © Frank Becker
Hommage in schmerzlich-komisch
Julia Penner führt Regie bei der Uraufführung
„Schiefergold“ über und für Wuppertal
 
Schiefergold. Bergische Grabungen von Chloë Cremer
 
Inszenierung: Julia Penner - Bühne und Kostüme: Monika Frenz - Video: Magdalena Sojka - Licht: Sina Kohn - Dramaturgie: Oliver Held
Besetzung: Vera / Petra Friemelt, Baustadträtin / Dr. Annette Pruss, CDU- Oppositionsführerin: Sina Ebell - Wolf-Christoph / Sebastian Kunert, Architekt / Dr. Martin Halter, PR-Berater: Gregor Henze – Horst / Gerhard Klaassen, Bürgermeister / Dr. Dirk Boltz, PR-Berater: Holger Kraft – Lieselotte / Isabelle Willing, Investorin / Rachel Goldfarb, kalifornische Rentnerin: Silvia Munzón López.
 
Der Tapir ist ein tristes Tier. So manches Mal schon waren ja zuletzt in mehr oder weniger lustigen Stücken der Wuppertaler Bühnen Tiere zu sehen: Ein paar Schweinchen gab’s mal im Kleinen Schauspielhaus, einen Elch bei Marius von Mayenburg, und selbst durch Tschechows „Kirschgarten“ ließ man einen konfusen Bären trotten. Fleisch gewordene Verfremdungen, könnte man wohl sagen. Oder Fell gewordene. Aber: Nadja ist doch ganz anders. Nadja kommt in der ersten Inszenierung dieser Spielzeit im Schauspielhaus vor: der Uraufführung „Schiefergold“ von Chloë Cremer. Und sie ist weder verkleideter Schauspieler noch mutmaßlich Expertin für Verfremdung, sondern eine quicklebendige Tapirdame im Duisburger Zoo, die per Video am Stück teilnimmt. Soweit man denn bei einem so gemütvollen Wesen wie einem Tapir von „quicklebendig“ sprechen kann. Lange Rede, kurzer Sinn: Anders als manch anderes Stück mit Tier im Team ist „Schiefergold“ in der Inszenierung von Julia Penner, obwohl voll Ironie und erheblich unterhaltsam, eigentlich etwas Tieftrauriges.


Bergische Gemütlichkeit - v.l.: Silvia Munzón López, Holger Kraft, Sina Ebell, Gregor Henze - Foto © Uwe Stratmann
 
Das Spielzeitheft untertitelt „Schiefergold“ mit „Bergische Grabungen“, gefolgt von einem wirklich guten Text über eine lokale Mentalität, die den Reiz des Verfallenen schätzt und den „Schmutz als Patina“ wahrnimmt. Nun ist dies aber nicht das Hauptthema des Stücks, das damit ja eigentlich angekündigt wird. „Schiefergold“ erzählt von Kultur, konkret: einem Altbau mit historischem Mosaik eines kommunistischen Künstlers, die durch Kommerz bedroht wird, konkret: durch Abrißpläne mit dem Ziel, an derselben Stelle eine Beauty-Klinik zu errichten. In dem Gebäude hausen aber seit Jahren eine Handvoll gealterter Kommunarden, die sich weigern zu gehen: Bremsen als Revolution mit anderen Mitteln, nachdem die eigentliche gescheitert ist. Eine spannende Geschichte – aber mit bergischen Mentalitäten hat sie wenig zu tun. Mit am meisten Lokalkolorit bringt noch eben der Tapir ein, der bei einer mißglückten Werbeaktion aus der städtischen „Seilbahn“ springt: Nadja als Tuffi-Wiedergänger.
 
Viel mehr geht es heute Abend um überlebte Ideen, um überlebte Menschen: Mitbewohnerin Lieselotte war früher vielleicht eine Art Uschi Obermaier; heute sinniert sie, wie sie sich den Blick auf ihr eigenes Alter wünscht: „Als Teil meiner aparten Persönlichkeit.“ Klar und ernst spielt sie Silvia Munzón López, und Ähnliches gilt für so schmerzlich-komische Sätze wie: „Ich möchte so weinen, wie es hier manchmal regnet.“ Wolf-Christoph (Gregor Henze) hatte mal was mit Lieselotte, ist jetzt aber mit Vera zusammen (Sina Ebell, die ansonsten eine Sternstunde hat als depressive Baustadträtin Friemelt). Er verbringt die meiste Zeit damit, der verunglückten DDR nachzutrauern, zu klagen über den „Verrat an einer fabelhaften Idee“. Fast penetrant klingen seine Worte nach den Sprüchen der

Im Regen: Silvia Munzón López, Gregor Henze - Foto © Uwe Stratmann
Vätergeneration, von denen sich abzugrenzen ja das eigene Lebensthema war: „Wir haben diese Stadt wieder aufgebaut. Weißt du noch?“ Lacher. Aber eigentlich ist auch das ja schrecklich traurig.
 
Nicht eben optimistisch stimmen schließlich auch die Intrigen in der Politik: Holger Kraft als Bürgermeister mit Macho-Macher-Charisma, dem man gar nicht anders kann als Beifall zu klatschen, als er Richtung Publikum für sein Projekt agitiert: für „die modernste und“, klar, „sozialste Schönheitsklinik in der ganzen Region“ – er ist Sozialdemokrat. Und die Bürgerliche Dr. Annette Pruss (nochmals Ebell), die ihren Rivalen trickreich zu dem Coup überredet, der ihn am Ende das Amt kosten wird: „Etwas Schweres“ solle auf das historische Mosaik auf dem Gelände fallen und damit ein Haupthindernis für den Abriß beiseite räumen. Etwas Schweres, das heißt: Nadja.
 
Machtgeile Politiker und Alt-Idealisten, die sich in Nostalgie vergraben: Speziell bergisch sind sie nicht, diese Grabungen. Anrührend dafür umso mehr, klug und treffend auch. Wenn man all dies aber fast als Liebeserklärung versteht, wie Regisseurin Julia Penner, die aus Wuppertal stammt und vor der Premiere eigens betont hat, daß ihre Heimat „hundertprozentig Cronenberg“ ist: Soviel Tristesse finden und es so positiv sehen, ist vielleicht wirklich typisch Wuppertal.

Weitere Informationen: www.wuppertaler-buehnen.de