Sehenswert ma▀los

Sibylle Fabian inszeniert "Liliom" im Wuppertaler Opernhaus

von Martin Hagemeyer

Foto © Frank Becker
Vor einigen Tagen lasen Sie hier bereits eine Liliom-Besprechung. Wir möchten Ihnen den etwas anderen Blick unseres Kritikers Martin Hagemeyer auf Sibylle Fabians Inszenierung nicht vorenthalten.

Warum dieses Inferno?
 
„Liliom“ gibt keine Antwort.
Aber der ist ja auch tot.
 
Schroff wie dieser Untertitel – ach was: zehnmal brutaler: Das ist die Inszenierung des Stücks „Liliom“ von Ferenc (Franz) Molnár, die Sibylle Fabian dem Publikum im Wuppertaler Opernhaus vorsetzt. Ein maßloser Abend. Ein Ereignis.
 
Es ist ein Stück, das aus der Distanz wirkt. Vielleicht deshalb standen während der Premiere so viele Zuschauer in den ersten Reihen auf und verließen die laufende Aufführung. Wer blieb, schlug sich durch Schweiß und Tränen und fand am Ende ein Gesamtbild des Schreckens. Kein schöner Anblick – aber ein sehenswerter.
 
Von direktester Körperlichkeit bis zu quälender Langsamkeit: Die eigentliche Zumutung dieser Inszenierung ist es wohl, daß sie sich nicht erklärt. Bei Molnár kommt das Stück als Geschichte eines liebenswerten Rabauken daher, der sich als Räuber aus Liebe seiner Bestrafung per Selbstmord entziehen will, aber selbst damit Pech hat: Das Selbstmördergericht verurteilt ihn und gewährt erst nach langem Fegefeuer einen Kurzbesuch auf Erden, wo Frau und Kind ihn abschließend doch noch als guten Kerl erleben. Was braucht's hier Schweiß und Tränen?
 
Goutieren kann das wohl nur, wer akzeptiert, daß dieser Overkill seine eigene Rechtfertigung verweigert. Erstes Bild: Thomas Braus windet sich als Liliom halbnackt auf dem Boden – gefühlte zehn Minuten. Letztes Bild: Julia Wolff stößt irren Blicks als Julie, seine schwangere Witwe, markerschütternde Schreie aus – gefühlte zehn Minuten. Eine erlösende Einordnung von fast zwei gewaltvollen Stunden ohne Pause: Die gibt es nicht.
Liliom, wie er in Wuppertal in Szene gesetzt ist, erinnert im Ganzen stark an Büchners Woyzeck. Nur dieser ist allerdings bekannt als Objekt seiner bösartigen Umwelt. Sollte Liliom, am Ende (zwar: Selbst-) Mörder wie Woyzeck, hier Ziel von Antisemitismus sein, wie anklingt? Wird er womöglich mißbraucht von „Frau“ Muskat, seiner aufdringlichen Chefin auf dem Rummelplatz, schrill und stark gespielt von Gregor Henze? Zu klären ist hier nichts; nur zu erleben. 
 
Aber Leid und Einsamkeit erklären sich nicht immer. Und finden trotzdem statt.


Informationen: www.wuppertaler-buehnen.de