Seh-Reise (15)

15. Ausfahrt: Paula Becker-Modersohn

von Michael Zeller

Michael Zeller - Foto © Frank Becker
Michael Zeller: Seh-Reise (15)
 
Mit Bildern durch das Jahr
 
15. Ausfahrt: Paula Becker-Modersohn

Ein Fest der Farben? Ein gängiges und also verbrauchtes Bild aus Worten. Zwei Stunden nur in einem balinesischen Dorf, und jeder weiß, was damit gemeint ist. Da blüht eine Buntheit auf vor seinem Auge, grell und satt und in einer Vielfalt, die unsere Fassungskraft überfordert. Wir erleichtern uns dann in unserer schönen Not durch Schreie der Verwunderung, der Lust – wie als Kinder früher. Starke Farbigkeit lädt die Menschen gefühlsmäßig auf, spricht unmittelbar die Sinne an, und zwar alle.
Doch ein Fest der gebrochenen Farben? Das ist ja wohl ein Widerspruch in sich. Eine Freude, die gebrochen ist – wie hätte man sie sich vorzustellen? Gebrochenheit drosselt den direkten Anprall, der sich von außen über einen wirft und überwältigt.
Und doch, es gibt sie, die Feier der Gebrochenheit. Ihr Glück ist von ganz anderer Art als während der Stunde in einem balinesischen Dorf. Bezeugen aber läßt es sich mit der gleichen Überzeugungskraft. Und warum soll man es nicht ein Fest nennen dürfen, wenn die Farbigkeit sich in ihren Halb- und Viertelwerten zeigt?



  Paula Becker-Modersohn, Stilleben mit Rhododendron, 1905

„Stilleben mit Rhododendron“ heißt das Bild von Paula Becker-Modersohn. Ein gegenständliches Bild. Jedes einzelne der wenigen Dinge ist darauf zu erkennen. Aber so, wie sie angeordnet sind, ergibt sich nur schwer ein Zusammenhang. Das weiße Tuch quer über die gesamte Malfläche geworfen, geballt, zusammengeschoben, aufgewühlt. Soll das ein Tischtuch sein? Eher doch ein Laken, das gerade vom Bett abgezogen wurde und auf den Wäschekorb wartet. Darauf ein Blumentopf, in erdbraunem Ton, wie man ihn in einer Gärtnerei erwartet, nicht als Zimmerschmuck auf einem Tisch. Dann der kleine Kerzenhalter, mit einem abgebrannten Stummel. Sein Zink kann niemals leuchten. Ein undefinierbares kleines dunkles Möbel dahinter, ein Nachttisch am ehesten. Sonst nichts. Die Wand dahinter, grau, die dem Raum keinerlei Tiefe gibt. Graue Luft.
Ach ja. Die Pflanze in dem rohen Tonpott. So abgeschnitten, daß gerade noch die unteren Blätter und ein paar wenige Blüten zu sehen sind, plane runde Ballen in trübem Bordeauxrot. Ein Rhododendron soll das sein? Darauf wäre ich nie gekommen. Eine völlig beziehungsfreie Anordnung der Dinge im Raum, der jeder alltäglich praktische Sinn abhanden gekommen scheint. Ein zufälliges Gerümpel von Requisiten in einem undefinierbaren Innenraum: Schlaf- oder Wohnzimmer? Verloren im Bermudadreieck bürgerlichen Durcheinanders.
 
Und doch – oder deswegen: Was für eine Malerei! Die sparsam gesetzten wenigen Farben von der Palette der Erde. Allein gelassen in ihrer Schwere, wird ihnen auch keine Hilfe durch ein Licht von oben, füllen sie den Bildraum an, ohne in Beziehung zueinander zu treten. Farbe für Farbe, Ding für Ding.
Wenn ich ein Wort wagen wollte (es widerstrebt mir und reizt mich gleichermaßen): Es eint sie die gedeckte Farbigkeit der nordischen Breiten, das torftrübe, erdschwere Kolorit Worpswedes. Und meine Empfindung dabei in der zurückliegenden Woche: Nein, ich habe nicht laut aufgejauchzt vor diesem Bild jetzt wie seinerzeit auf Bali. Es breitete sich eine stumme Freude aus von innen, ein stilles Wohlsein. So wie ich es empfinde, wenn ich nach ein paar Wochen im Lichtfest Italiens wieder zurückgekommen bin diesseits des Brenners, es dämmert bereits, und mir das Herz übergeht und ich mich zu der Ansicht versteige: Die Kraft und die Tiefe von Farbe und Licht lassen sich nur im Norden fühlen. Ein Fest der Gebrochenheit.
Das Bild „Stilleben mit Rhododendron“ der Paula Becker Becker-Modersohn hängt in einem Museum der Stadt, in der ich lebe. Ich schätze mich glücklich, daß ich es mir jeden Tag anschauen kann, dank eines Kunstsammlers, der als erster überhaupt den Wert dieser Malerin erkannte und gleich einen ganzen Schwung ihrer Bilder kaufte und zeigte. Da war sie gerade zu Grabe getragen worden. Ein einziges Bild zu Lebzeiten zu verkaufen, ist Paula Becker-Modersohn nicht beschieden gewesen.
 
Paula Becker-Modersohn, Stilleben mit Rhododendron, 1905
Von der Heydt-Museum, Wuppertal
Redaktion: Frank Becker