Pasolini begegnen - mit Gewinn

„Der Schweinestall“ im Werk X, Wien

von Renate Wagner

Foto © Matthias Horn

Wien - Werk X:
Der Schweinestall
von Pier Paolo Pasolini

Gastspiel des Münchner Residenztheaters (im Marstall)
21.Dezember 2017
 
Es ist immer und überall wichtig, über den Tellerrand hinaus zu schauen, zumal im Theater: Was die anderen machen, wird zum Vergleichparameter der Arbeit bei uns. Nun kann man ja leider nicht ununterbrochen herumreisen, um Vorstellungen zu sehen, darum sind Gastspiele so kostbar. Wenn sich nun gar das Münchner Residenztheater aufmacht, nach Wien zu kommen, hätte man erwartet, es wieder in den Räumlichkeiten des Burgtheaters zu sehen. Nun – man ist dem Werk X dankbar, daß Pasolinis „Der Schweinestall“, eine Produktion im „kleinen Haus“, dem Marstall, nun zumindest im Kabelwerk Einzug fand.
Pier Paolo Pasolini (1922-1975), Autor für Prosa und Lyrik, Film und Theater, legendär nicht nur durch seinen tragischen Tod, hat als Filmemacher dem Kinopublikum – das ihn vor allem kennt – stets Besonderes, Radikales zugemutet. Er hat auch sein Stück „Der Schweinestall“, das er 20 Jahre nach Kriegsende schrieb, später verfilmt.
Hat es auf der Bühne Staub angesetzt? Immerhin schildert er die Gesellschaft der Bundesrepublik als in ihren alten faschistischen Denkweisen und Ritualen verhaftet (was für 1966, als das ehrliche Eingestehen der Vergangenheit und die politische Korrektheit noch nicht erfunden waren, teilweise richtig gewesen sein mag).


Foto © Matthias Horn

Aber was bis heute an dem Stück fasziniert und ungemein aktuell anmutet, ist die zentrale Figur des jungen Julian. Dieser klinkt sich nämlich aus. Will zwar nichts mit der schmutzigen Elterngeneration zu tun haben, ist aber auch gänzlich lustlos, gegen diese zu protestieren. Der Beginn des Stücks handelt in verschiedenen Anläufen davon, wie seine junge Möchtegern-Freundin Ida (sie möchte, er nicht) versucht, ihn zu Gefühlen und Aktionen zu bewegen. Absolut vergeblich. Die Eltern hätten auch ganz gerne irgendeine Reaktion – ebenso vergeblich.
Während der Vater mit dem „Kollegen“ von einst schmutzige Geschäfte vereinbart (einst ging es um Juden, heute geht es nur noch um Geld), zieht sich Julian von den menschlichen Schweinen zu den tierischen zurück, sucht im Schweinekobel die Natur – und wird (ein Schockeffekt, der härter wirkte, wäre man dergleichen von Pasolini nicht gewöhnt) von diesen aufgefressen… Welch eine Parabel.
 
Der kroatische Regisseur Ivica Buljan inszeniert sie auf dreigeteilter Bühne (Aleksandar Denić) – links das Schweinegehege. Nach der Rückkehr zum zweiten Teil begreift man, warum man in der Pause den Saal verlassen mußte. Dann sind sie nämlich da, die echten Schweine, drei an der Zahl und offenbar jung (und mit ihrem menschlichen Partner so vertraut, daß sie geradezu possierlich auf ihm herumklettern… ein nicht beabsichtigter Nebeneffekt, der Lachen evoziert). In der Mitte ein glatter roter Raumteil – hier spielt die Geschichte. Rechts vor allem Platz für eine Band: Buljan taucht (und alle Darsteller wirken als kompetente Musiker mit) einen Teil des Geschehens ins teils ohrenbetäubende, teils psychedelische Musik, wo Nora Buzalka dann vertonte Pasolini-Lyrik singt. Auch wenn man sie nicht versteht, es geht durch Mark und Bein.
Und das Geschehen auch, wobei Philip Dechamps in der Rolle des Julian Außerordentliches leistet – Paradigma für jene jungen Menschen, die sich von der Realität abkapseln und abkoppeln, weil sie diese nicht ertragen können. Eine große verbale „Arie“ spielt er (auch das ein Kunststück) mit einem echten, schweren Stück Baumstamm in den erhobenen Armen. Am Ende kriecht er nackt mit den Schweinen im Stall herum. Gerade das Aufgefressenwerden hat man ihm erspart… Daß er bei so viel Exhibitionismus verinnerlicht und überzeugend abwehrend bleibt, ist wahrlich eine Meisterleistung.
 
 
Foto © Matthias Horn

Als Ida fächert Genija Rykova eine ganze Skala weiblichen Werbens und Verhaltens auf, um endlich ganz in die Rolle der Jazz-Sängerin aufzugehen, die sie perfekt beherrscht. Juliane Köhler als sinnliche, hintergründige Mutter von Julian schien nicht nur eine Pasolini-, sondern auch gleich noch Fellini- und Visconti-Figur mitzuspielen, so facettenreich spiegelte sie das bös Weibliche. Noch eine Frau, aber nicht als solche gemeint: Sibylle Canonica hat es mit ihrer Szene nicht leicht, verkörperte sie schließlich den jüdischen Philosophen Spinoza, dessen Belehrungen Julian nicht zuhörte – und das Publikum auch nicht immer, wenn sich die Argumentation zu sehr verstieg.
Daß die „Bösen“ (Götz Schulte als Vater Klotz, Bijan Zamani als Herdhitze) klischeehaft die Bösen blieben, mag hier gerechtfertigt sein, für psychologische Durchleuchtung ihres Handelns interessiert man sich ja in diesem Zusammenhang nicht.
Wahre Theaterfreunde sind durch nichts abzuhalten, nicht von Vorweihnacht-Streß und nicht von scheußlichem Regenwetter. Viele waren ins Werk X gekommen, um den Münchnern und Pasolini zu begegnen. Mit Gewinn. Der Beifall für die Gäste war so herzlich wie heftig.
 
Renate Wagner
 
P.S. Das, was die Münchner als Programmheft anbieten, so rappelvoll von faktischer, brauchbarer Information – dergleichen bekommt man in keinem Wiener Theater in die Hand…