An Deinem Munde übernachten

von Hanns Dieter Hüsch
An Deinem Munde übernachten
 
Die Stadt ist wie ausgestorben
wir wollen auf dem Marktplatz eine Sarabande tanzen
allein das Orchester ist ein modernes
und besteht aus Cembalo, Schlagzeug und Altsaxophon
morgen noch können wir den ganzen
lieben langen Tag den Staub dieses Sternes
zusammenfegen obschon
das viel Arbeit macht und vieles dabei verdirbt.
 
Laß uns eine Umarmung ausprobieren
bevor einer von uns stirbt
und jene Straßenbahn benutzen
die nicht fährt, da sie keine Schiene weiß
wenn sie fährt, fährt sie stets im Kreis
ohne ein Wort zu verlieren.
 
Am Rande der Stadt
wo sie ihren Friedhof hat
möchte ich an deinem Munde übernachten
mögest ihn so zart wie nötig schminken
und ich werde es wie tausend andre vor mir machen
zwei drei kleine Cognacs trinken.
 
 
Hanns Dieter Hüsch
 


© Chris Rasche-Hüsch
Veröffentlichung aus: Ich möcht ein Clown sein (2002) in den Musenblättern mit freundlicher Genehmigung